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1855: Erste Auswanderungen nach Argentinien

Nach seiner Unabhängigkeit im Jahr 1816 wird Argentinien zuerst von einer Militärdiktatur regiert, bevor 1853 eine liberale Verfassung in Kraft tritt.
Nach seiner Unabhängigkeit im Jahr 1816 wird Argentinien zuerst von einer Militärdiktatur regiert, bevor 1853 eine liberale Verfassung in Kraft tritt.

Die wirtschaftliche, politische und demografische Doktrin der neuen Regierung lautet «regieren heisst besiedeln», gemäss der Formulierung von Juan Bautista Alberdi, dem Inspirator der Verfassung. Diese Politik verfolgt das Ziel, die ausgedehnten Flächen der Pampa für den Ackerbau und den Export fruchtbar zu machen.

Gerechtfertigt durch eine starke Ideologie, welche «Zivilisation und Barbarei» einander gegenüberstellt, besteht diese Politik einerseits in einem inneren Krieg gegen die indianische Bevölkerung und die Gauchos, die vor allem Viehzucht betreiben, um sie aus ihrem Territorium zu vertreiben. Andererseits will die Regierung die Einwanderung einer grossen Zahl europäischer Arbeiter fördern, welche die doppelte Aufgabe der Zivilisierung und der Produktion übernehmen sollen. Gemäss Verfassung will das Land «uns selber, unseren Nachfahren und allen Menschen auf der Welt, die auf argentinischem Boden leben möchten, ein freies Leben gewährleisten». Die Einwanderer sollten aus Nordeuropa stammen, deren Bevölkerung am ehesten dem kulturellen Ideal der Regierung zu entsprechen scheint; das ist jedoch nicht der Fall, denn die Einwanderer stammen vorwiegend aus Italien, aber auch aus Spanien, Osteuropa und anderen europäischen Ländern. Die argentinischen Behörden gestehen in den folgenden Jahrzehnten ein, dass ihre ländliche Besiedlungspolitik gescheitert ist. Auch wenn gewisse europäische Auswanderer erfolgreiche Landwirtschaftsbetriebe aufbauen, siedelt sich doch der Grossteil der Einwanderer in städtischen Regionen Argentiniens oder in Nachbarländern an. 

Die Mehrheit der Walliser Auswanderer siedelt sich ab 1855 und bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Argentinien an. Es ist eine Verteilung auf die verschiedenen Kolonien gemäss der ursprünglichen Sprachregion festzustellen. So siedeln sich die französischsprachigen Walliser in den Kolonien von Esperanza und San José an, während die Oberwalliser die Kolonie von San Jeronimo Norte gründen. Die letztgenannte Kolonie ist eine der wenigen Kolonien, die keine Straf- oder Ausrottungsaktionen gegen die Indianer organisieren.

Die Organisation der Auswanderung erfolgt zu einem grossen Teil durch die Generalagentur Beck & Herzog in Basel, die regelmässig Anzeigen in der Walliser Presse veröffentlicht und im Kanton über die Lokalagenten Eleuthère Besse, Notar in Sitten, und Martin Pache, Notar in Martinach, rekrutieren lässt. Die beachtliche Anzahl von Auswanderungen nach Argentinien veranlasst die Walliser Regierung, im Dezember 1856 das erste kantonale Reglement über die Auswanderung zu erlassen, welches von den Agenturen eine offizielle Bewilligung zur Ausübung ihrer Tätigkeit verlangt.


Die begründung von San Jeronimo Norte

1857 verlässt eine Gruppe von 80 Oberwalliser Auswanderern Sitten, um über Anvers nach Argentinien zu gelangen. Die Auswanderer, welche grösstenteils aus dem Goms sowie aus den Bezirken Raron und Leuk stammen, werden von den Brüdern Lorenz und Johannes Bodenmann aus Grengiols geführt. Der Konvoi trennt sich nach der Ankunft in Buenos Aires: die meisten Walliser reisen weiter in Richtung Entre Rios, die übrigen reisen in die Provinz Santa Fe.

Die Provinz Santa Fe übernimmt bei der Einwanderung eine Vorreiterrolle; die Provinzregierung kümmert sich selbst um die Einwanderungspolitik und versucht, in Europa Siedler zu rekrutieren. Jede Familie erhält zu günstigen Bedingungen ein Gut von rund 33 Hektaren. Die Walliser übernehmen selber die Rekrutierung ihrer Landsleute: sobald sich die Oberwalliser Einwanderer in der Provinz von Santa Fe niedergelassen haben, kehrt Lorenz Bodenmann ins Wallis zurück, um einen weiteren Konvoi von Siedlern nach Südamerika zu begleiten.

Der Konvoi Bodenmann, der das Wallis im April 1857 verlässt, kommt im August 1857 in der Provinz von Santa Fe an und lässt sich in der Nähe des Indianerreservats von San Jeronimo del Sauce, 40 Kilometer westlich der Provinzhauptstadt, nieder. Über ein Mitglied der Einwanderungskommission erhalten die Siedler ihre Parzelle, mit der Bedingung, diese während mindestens 4 Jahren zu bewirtschaften; 5 Jahre nach Beginn der Besiedlung besitzen 107 Siedler 115 Konzessionen. Im Jahr 1870 leben 236 Familien (insgesamt 1210 Personen) in San Jeronimo; über 180 dieser Familien stammen aus dem Oberwallis. Die Siedler arbeiten ohne Vorauszahlung durch die Besiedlungsvereinigungen; nur wenige Siedler leiden unter so vielen Entbehrungen wie die Walliser. Sie entwickeln eine bemerkenswerte einheitliche Identität. Zwar passen sie sich den neuen Techniken des Ackerbaus an, im kulturellen Bereich hingegen bleiben sie standhaft mit dem Heimatland Wallis verbunden. Die Walliser Siedler begnügen sich mit den Beziehungen innerhalb ihrer Kolonie und müssen keine fremde Sprache lernen; sie gehen nicht nur kulturell, sondern auch konfessionell auf Distanz zu anderen Kolonien, da zahlreiche Kolonien in der Region aus protestantischen Siedlern bestehen. Im Jahr 1872 gründen die Walliser von San Jeronimo ihren eigenen Schiessverein; am 1. August 1891 wird der 600. Geburtstag der Eidgenossenschaft in der Schweiz eher zurückhaltend, in den Schweizer Kolonien in Argentinien jedoch mit grossem Prunk gefeiert.

Da die Siedler ihr Land gratis erhalten, spüren sie den wirtschaftlichen Druck des Markts nicht sofort. Zudem bleiben die Walliser mit der Viehzucht verbunden und haben Mühe, sich mit dem Ackerbau anzufreunden. Ihre Autarkie ist von Beginn an garantiert, was ihre Integration in den argentinischen Markt erschwert. Für die Walliser Grossfamilie - die oft 10 bis 12 Kinder zählt - eignet sich die Viehzucht besser als der Ackerbau. Der Einsatz neuer Technologien im Ackerbau erleichtert nach und nach die Integration der Walliser Kolonien in den argentinischen Markt; um die Jahrhundertwende erreicht der Ackerbau in San Jeronimo eine technische Stufe, die im Wallis schwer verständlich ist. Zu dieser Zeit wird die Milchwirtschaft in der Oberwalliser Kolonie richtig lanciert: insbesondere nach den Heuschreckenplagen scheint die Viehzucht weniger krisenanfällig zu sein als der Ackerbau. San Jeronimo ist noch heute ein wichtiges Zentrum der Milchwirtschaft.

Zu Beginn der Besiedlung sind die Walliser Einwanderer eher mit materiellen als mit politischen Fragen beschäftigt. Aufgrund des wirtschaftlichen Erfolgs der Kolonie will man die Errungenschaften und die Verdienste der eigenen Arbeit verteidigen. Die Selbstbestimmung auf Gemeindeebene und die Ernennung von Richtern sind Themen, welche bereits zu Beginn der Besiedlung aktuell sind; während der 1890er-Jahre werden mehrere politische Vereine gegründet. Die Siedler nehmen, in erster Linie wegen der Getreidesteuer, sogar an revolutionären Aktionen teil. Diese Steuer ruft vor allem Proteste hervor, weil sie die leeren Kassen der Provinzregierung von Santa Fe füllen soll. Die Siedler bewaffnen sich, die Kolonien – vor allem San Jeronimo – werden zum Zentrum des Widerstands gegen die Provinzregierung. Auch wenn sich die Lage im Jahr 1898 beruhigt, werden die Kolonien doch in ihrer Distanz zur argentinischen Kultur bestärkt. Das politische System in der Schweiz ist viel stabiler als dasjenige in Argentinien. Bis 1900 wird in den Pfarreischulen von San Jeronimo auf Deutsch unterrichtet; eine der meistgelesenen Zeitungen ist das Argentinische Volksblatt, das auf Deutsch erscheint. Trotzdem findet im 20. Jahrhundert die Hispanisierung statt. Allerdings schreitet sie nicht überall gleich rasch voran; der Prozess verläuft in den Städten schneller als auf den isolierten Farmen, die selten mit der Aussenwelt in Kontakt stehen.

In den 1980er-Jahren sind 95% der 5000 Einwohner von San Jeronimo Oberwalliser Ursprungs; gut die Hälfte davon spricht noch die Oberwalliser Mundart. Der 1. August wird in der Kolonie auch heute noch gefeiert.

 

Referenzen

Alexandre CARRON & Christophe CARRON, Nos cousins d’Amérique. Histoire de l’émigration valaisanne en Amérique du Sud au XIXe siècle (2 Bände). Siders, 1989 und 1990.

Alexandre CARRON, « Les 125 ans des colonies Esperanza, San José et San Jeronimo en Argentine : un aspect de l’émigration valaisanne outre-mer au XIXe siècle », in Annales valaisannes, 58/2 (1983), S. 113-136.

Klaus ANDEREGG, « Die Kolonie San Jéronimo Norte in der Argentinischen Pampa » in T. ANTONIETTI & M.-C. MORAND (éd.), Valais d’émigration / Auswanderungsland Wallis, Sitten, 1991, S. 161-183.

Patrick WILLISCH, « Das Wallis in Bewegung. Ein Forschungsbericht zur Migrationsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert », in Blätter aus der Walliser Geschichte, 48 (2016), S. 85-172.

Joachin MANZI, « L’accueil de l’immigrant dans l’invention de l’Argentine moderne », in V. DESHOULIÈRES & D. PERROT (Hrsg.), Le don d'hospitalité: de l'échange à l'oblation, Presses Universitaires Blaise Pascal, 2001, S. 113-136.

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